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Was man so als Richter erlebt
Man lernt so alle möglichen menschlichen Facetten kennen, leider
nicht immer von ihrer besten Seite.
Ich war gerade junger Richter der Kategorie Kurzhaar und sollte eine
große Anzahl blauer Briten richten, und einige lilac Briten. Alle
waren sie so schön, dass die Auswahl für die Nomination nicht leicht
fiel. Ich entschied mich für einen lilac Britenkater, ein richtiges
Bärchen. Ein Aussteller, dessen blauer Britenkater nicht von mir
nominiert worden war, erlitt beinahe einen Herzinfarkt und begann
mich recht ordentlich zu beschimpfen. Ich hätte keine Ahnung von den
Briten, sein Kater sei ein oftmaliger Best-in-Show-Gewinner. Ich
würde ja nicht Briten züchten und solle das Richten von Briten
lieber lassen. Nun mein lieber lilac Brummbär gewann dann einstimmig
unter den sieben anwesenden Kurzhaarrichtern Best-in-Show.
Ich richtete rote und rotgestromte Perser. Ein Aussteller war recht
nervös, ob sein rot gestromter Kater auch bei mir sein Tabbymuster
ändern würde. Der bedauernswerte Aussteller hatte bereits 4
Richterberichte erhalten, und jedes Mal hatte seine Katze ein
anderes Muster, einmal war sie Red Self mit Geisterzeichnung, einmal
war sie klassich gestromt, dann wurde sie getigert und schließlich
war sie auch noch getupft. 4 CAC, aber leider keine 3 gleichen und
damit kein Championtitel. Als ich den Aussteller fragte, ob er den
Stammbaum der Katze dabei hätte, war er recht erstaunt und erzählte
mir, ich wäre die erste, die ihn nach dem Stammbaum fragen würde.
Ich sollte Cornish Rex richten, und zwar die Gruppe der Pointed
Katzen. Dies kann manchmal ein schwieriges Unterfangen sein,
insbesondere, wenn die Katzen noch mit Weiß sind. Ich erinnere mich
noch gut an eine Katze, die schon einen recht hohen Titel besaß und
plötzlich begann, wie ein Chamäleon ihre Farbe von einem Richter zum
anderen zu ändern. Mal war sie sealpoint mit Weiß, mal war sie ein
seal Tonkinese-point mit Weiß, mal war sie ein chocolate
Burmese-point mit Weiß. Sie besaß so ziemlich alle Farben von seal
bis chocolate mit allen möglichen Points, von Burmese-point über
Tonkinese-point bis Colourpoint. Wie muss sich so ein Aussteller
oder Züchter fühlen, dessen Katze bereits mehrere Titel erworben
hatte und die plötzlich von einer Ausstellung zur nächsten ihre
Farbe ändert? Oft klärt die einfache Frage nach dem Stammbaum viele
Irrtümer auf, und solche Aussteller haben immer den Stammbaum mit
sich.
Die Mehrzahl der Aussteller ist enttäuscht und geht bedrückt nach
Hause, wenn ihre Katze nicht alle erwünschten Preise gewonnen hat. Doch manche Aussteller können sehr ausfallend werden und
manche strengen eine Beschwerde an. So hatte ein Kollege Norweger
der sogenannten x-Farben zu richten, die jetzt unter Amber anerkannt
wurden, und wollte eine Gegenzeichnung von mir, wegen der Farbe. Ich
war nicht schlecht erstaunt, als diese Katze am Vortag als
Blue-Golden bereits Best in Show gewonnen hatte, die so keinerlei
irgendwie blau oder dunkel getippte Haare am ganzen Körper hatte.
Als ich mich nach der Ausstellung auf die Suche nach der Katze
machte, fand ich sie unter den x-Farben in der Rubrik chocolate und
cinnamon, wo sie auch als solche bereits auf einer
Anerkennungsausstellung vorgestellt worden war. Ich fand sie jedoch
auch in der Jahressiegerliste als Blue-Golden. Das Richten kann
manchmal schon voll Überraschungen sein.
Besonders betroffen bin ich manchmal, wenn ich von manchen Kollegen
höre, wie häßlich die Katzen heute wieder gewesen wären. Gibt es
wirklich häßliche Katzen? Ist nicht jede Katze die schönste und
liebste für ihren Besitzer, und ist nicht jede Katze ein kleines
Wunderwerk der Natur? Die eine Katze entspricht ihrem Standard mehr,
die andere weniger, alle sind sie jedoch auf ihre Weise schön.
Als Allround-Richter habe ich viele Katzen unterschiedlichster
Rassen in der Hand. So habe ich des öfteren Manx zu richten, eine
ganz liebe und sehr aufgeweckte Rasse. Ich erinnere mich noch an
einen wunderschönen, recht großen gestromt mit Weiß Kater, ein sehr
aufgeweckter Bursche. Zuerst inspizierte er alle meine Papiere auf
dem Tisch und brachte sie ordentlich durcheinander. Zu guter Letzt
entschied er sich dafür, dass es ihm auf meinem Richtertisch zu
langweilig wäre und sprang, ehe ich mich versah, von meinem Tisch
und lief schnell in den Saal davon. Der Aussteller schien dies
jedoch schon zu kennen und rief den Kater einfach. Tatsächlich kam
der Manxkater wieder angehoppelt, baute sich vor meinem Tisch auf,
machte ein Männchen und sprang wieder auf meinen Tisch, als wäre
Nichts gewesen. Nun dieser Kater hat oft Best-in Show gewonnen.
Einige Jahre später hatte ich wieder einen gestromt mit Weiß
Manxkater zu richten, der meinem lieben Burschen wie aus dem Gesicht
geschnitten ähnlich sah. Und es war tatsächlich sein Sohn, der genau
dasselbe aufgeweckte Temperament seines Vaters geerbt hatte.
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